Vor fast genau vier Jahren habe ich meinen nigelnagelneuen Reiserucksack gepackt und bin losgezogen – mit rund fünfzehn Kilo Gepäck am Rücken und ohne Begleitung. Nicht, weil niemand mitkommen konnte, sondern weil ich es genau so wollte. Ich habe gar nicht erst nachgefragt.

Doch eine Nacht vor meiner einmonatigen Interrail-Reise kamen plötzlich die Zweifel: Was, wenn ich keine anderen Reisenden kennenlerne? Was, wenn es mir keinen Spaß macht, allein unterwegs zu sein? War das vielleicht doch alles eine Schnapsidee?

Meine Eltern versicherten mir sofort: Du musst die Reise ja nicht antreten.

Kein Wunder – sie wären wohl nicht böse gewesen, wäre ihre neunzehnjährige Tochter nicht allein durch Europa gereist. Wahrscheinlich hätten sie damals nie gedacht, dass ich zwei Jahre später für ein ganzes Jahr allein nach Südamerika gehen würde.

Am Vorabend weinte ich mich also mit Sorgentränen in den Schlaf. Und am nächsten Tag stand ich mit zitternden Knien am Bahnsteig – aus Vorfreude und aus Angst.

Allein sein oder einsam fühlen?

Eine Angst verfolgt mich bis heute immer wieder: die Einsamkeit. Dabei verbringe ich gerne Zeit mit mir selbst. Meine Freunde wissen: Ohne meine Me-Time bin ich kaum auszuhalten. Ob Zuhause in meiner Wohnung oder bei einem Spaziergang in der Natur – diese Pausen brauche ich.

Problematisch wird es nur, wenn ich mir zu viele Gedanken mache, was andere wohl denken könnten. Gedanken wie: Was die wohl denken, wenn ich mich jetzt allein in ein Restaurant setze?

Vor meiner ersten Solo-Reise war das wohl meine größte Sorge. Nicht Überfälle oder Entführungen machten mir Angst, sondern die Vorstellung, andere könnten mich schief anschauen, wenn ich allein unterwegs bin. Rückblickend klingt das zugegebenermaßen ziemlich unsinnig.

Dazu kam meine Angst, auf meinen Trips keine Leute kennenzulernen. Dabei berichten gerade Alleinreisende (ich inzwischen auch) von den spannendsten Begegnungen. Alleinreisen bedeutet nämlich nicht automatisch allein zu bleiben – im Gegenteil. Gerade als Solo-Traveller lernt man oft viel schneller neue Menschen kennen.

Meine social anxiety flüsterte mir allerdings ein, dass niemand Zeit mit mir verbringen wolle: Vielleicht finden mich ja alle komisch. Obwohl ich heute weiß, dass das nicht stimmt, habe ich manchmal immer noch gewisse Zweifel. Dabei habe ich gar keine Angst, dass ich mich allein langweilen könnte, sondern eben viel mehr was andere dann denken.

Gleichzeitig hab ich aber gerade durchs Reisen gelernt, nicht mehr so viel Wert auf die Meinung anderer zu legen. Außerdem entstehen die meisten Sorgen sowieso nur in unserem Kopf.

Jemand hat mal zu mir gesagt: Wenn man denkt, dass andere schlecht über einen denken, sagt das mehr über einen selbst aus als über die andere Person.

Schon am zweiten Tag meiner Interrail-Reise lernte ich in einem Hostel in Zürich einen netten Marokkaner kennen, mit dem ich direkt einen ganzen Abend verbrachte. All die Sorge völlig umsonst.

Partyhostels – meine persönliche Horrorzone

Mit Mehrbettzimmern hatte ich seither nie Probleme. Man lernt dort wirklich schnell neue Leute kennen. Aber Partyhostels? Für meine sozialen Batterien der absolute Albtraum. Wenn man selbst keine Lust auf Feiern hat, sind sie schlicht der falsche Ort. Diese „Angst“ habe ich bis heute nicht überwunden – vielleicht ja irgendwann in Mexiko.

Ungefragte Mitbewohner

Wie ich mit meiner Insektenphobie ein Jahr in Lateinamerika überlebt habe? Vermutlich mit einer guten Portion Verdrängung.

Ob Spinnen in Hostelecken, schwarze Würmer im Zimmer auf den Galápagos Inseln oder ein ungefragter Gast in der Lodge im Regenwald, der sich nachts über meine Nüsse hermachte – Begegnungen mit tierischen Mitbewohnern waren keine Seltenheit. Manche Nächte habe ich vor Angst kein Auge zugemacht. Doch jede Erfahrung machte mich ein kleines Stück gelassener. Heute finde ich Vogelspinnen sogar fast süß.

Manchmal bleibt einem keine Wahl – man muss sich seinen Ängsten einfach stellen, wenn man kein Erlebnis missen möchte.

Sprachbarrieren

Reisen bedeutet immer auch: Herausforderungen meistern. In Südamerika war das für mich zunächst die Sprache.

Obwohl ich offiziell B2-Niveau hatte, war es nicht leicht, das chilenische Spanisch zu verstehen (das fiel sogar den Spaniern und Mexikanern schwer) – und noch schwieriger war es selbst zu sprechen. In der Schule glänzte ich in Grammatik, Hören, Schreiben und Lesen. Frei zu sprechen und dann auch noch mit Einheimischen überforderte mich anfangs allerdings.

Doch ich merkte schnell: Die meisten Südamerikaner sprechen kaum Englisch. Also blieb mir nichts anderes übrig, als meine Angst zu überwinden und mein Spanisch auszupacken. Und siehe da: Ein Jahr später konnte ich ziemlich fließend sprechen – und sogar die Chilenen halbwegs gut verstehen.

Mutproben, die bleiben

Oftmals sind es die Dinge, die man noch nie gemacht hat, die einem am meisten Angst einjagen. So wie damals vor meiner ersten Solo-Reise. Aber auch während meinen Reisen machte ich mir manchmal vor Angst fast in die Hose.

Vor meiner Mountainbike-Tour auf der Death Road in Bolivien hatte ich riesigen Respekt. Nicht nur, weil es eine der einst gefährlichsten Straßen der Welt ist, sondern auch, weil ich zuvor noch nie auf einem Mountainbike gesessen war. Ich hatte Sorge, mich blöd anzustellen. Das hätte mir dann glatt das Leben gekostet. Und ich verrate euch: Ich war kein Naturtalent. Aber wer hätte gedacht, dass mir Mountainbiken so viel Spaß machen würde?

Oft sind es genau diese Momente, in denen man über seinen Schatten springt, die unvergesslich bleiben.

Ich habe mal ein Buch gelesen, in dem stand: Wenn du dir unsicher bist, ob du etwas tun sollst, frage dich: Würde ich morgen bereuen, es getan zu haben? Wenn die Antwort „Nein“ lautet – dann tu es!

Wenn Ängste schützen

Diese Frage muss man sich in Lateinamerika ab und zu auch beim Essen stellen. Vor meiner Reise nach Bolivien wurde ich oft gewarnt. Lebensmittelhygiene ist in manchen Ländern nicht so wichtig und Lebensmittelvergiftungen sind dementsprechend keine Seltenheit. Aus Angst traute ich mich kaum etwas zu mir zu nehmen, abgesehen von geschälten Bananen und Wasser aus dem Supermarkt. Wenn ich morgen über der Kloschüssel hängen würde, würde ich womöglich bereuen, dieses eine Gericht probiert zu haben.

Manchmal sind Ängste doch berechtigt und schützen uns davor, leichtsinnig zu werden.

Die ewige Sorge, etwas zu vergessen

Eine weitere Reiseangst: das zehnfache Checken, ob Pass, Geldbörse und Handy auch wirklich eingepackt sind. Wer kennt es nicht? Meistens unnötig, manchmal aber berechtigt.

In Costa Rica fuhr ich einmal ohne Handyladekabel für eine Nacht an den Strand – gelöst mit einem simplen Ausleihen im Hostel. Ein anderes Mal lief ich bei brütender Hitze zurück zum Hostel, um meinen E-Reader zu holen, den ich dort liegengelassen hatte – und erwischte zum Glück trotzdem noch meinen Bus zur nächsten Destination. Selbst als ich ohne Geld und Internet in Cusco landete, fand ich eine Lösung.

Stress bereiteten mir auch die Ein- und Ausreisen. EU-Bürger brauchen in den meisten Ländern Lateinamerikas zwar kein Visum, allerdings muss man oft bereits bei der Einreise ein Ausreiseticket vorlegen. In manchen Ländern waren die Kontrollen besonders streng. Nach einigen nervenaufreibenden Erfahrungen gewöhnte ich mich daran – doch ein kleines Kribbeln im Bauch blieb jedes Mal.

Ab und zu sind Ängste begründet, aber schlussendlich wächst man ja mit jeder Herausforderung auch ein Stück weit über sich selbst hinaus.

Existenzängste

Man glaubt es vielleicht nicht, aber ich bin tatsächlich eine sehr sparsame Person. Ich drehe jede Münze zweimal um, bevor ich sie ausgebe.

Ich versuche immer möglichst günstig zu reisen. Und ab und zu muss man dafür auch Abstriche machen. Trotzdem möchte man manchmal diese eine Tour machen oder dieses eine Gericht probieren – auch wenn es etwas mehr kostet.

Gerade in den letzten Wochen vor meiner Rückkehr nach Österreich habe ich gelernt, meine finanziellen Ängste loszulassen. Schließlich weiß man nie, ob man eine Erfahrung jemals wiederholen kann. Und damals wusste ich ja auch noch nicht, dass ich tatsächlich nach Lateinamerika zurückkehren würde.

Die schwerste Angst

Wenn ich daran denke, dass ich mich in knapp einem Monat wieder von meiner Familie und meinen Freunden verabschieden muss, bleibt mir jetzt schon die Luft weg.

Meine wahrscheinlich größte Angst ist bis heute die vor Abschieden. Von Menschen, Orten, Erfahrungen, Gefühlen. Es ist die Angst, alles hinter mir zu lassen – das Zuhause in Österreich ebenso wie ein neues Zuhause auf Reisen. Und die Angst, Neues in mein Herz zu schließen, weiß man doch genau, was folgt.

Und doch öffne ich mich immer wieder für neue Begegnungen. Weil genau darin die Schönheit des Reisens liegt. Manch ein Schmerz ist eben der Beweis dafür, dass wir wirklich gelebt haben.

Fazit: Angst gehört dazu

Im Endeffekt sind fast alle großen Lebensentscheidungen mit Angst verbunden. Ob ein neuer Job, eine Beziehung, ein großer Umzug oder eben eine große Reise – immer spielt Unsicherheit mit.

Angst kann uns blockieren. Manchmal ist das berechtigt. Manchmal ist es aber gerade die Angst, die uns antreibt. Sie ist nicht unser Feind, sondern manchmal unser wichtigster Begleiter. Es ist völlig normal, Angst zu haben. Die Frage ist nur: Von welcher Angst lässt du dich zurückhalten – und welche bringt dich dazu, über dich hinauszuwachsen?

Welche Ängste begleiten euch beim Reisen? Habt ihr ähnliche Erfahrungen mit Einsamkeit, Sprachbarrieren oder Abschieden gemacht? Und gab es auch schon Momente, in denen ihr eure Angst überwunden habt und dadurch vielleicht sogar eine unvergessliche Erfahrung gemacht habt? Es würde mich freuen, von euren Erlebnissen in den Kommentaren zu lesen 😊

Bussi Baba!

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