Bevor es also endlich weitergeht mit meinen Reiseberichten – da bin ich ja schließlich noch lange nicht am Schluss angekommen, auch wenn meine Reise mittlerweile beendet ist – habe ich mir gedacht, dass ich einmal Klartext reden muss. Den oben gestellten Fragen bin ich in den letzten Wochen gekonnt ausgewichen oder habe sie eher unzureichend beantwortet. Einigen von euch schulde ich also ein paar Antworten.

Wer vielleicht selbst schon einmal von so einer langen Reise zurückgekehrt ist, kann wahrscheinlich ganz gut nachvollziehen, dass es anfangs gar nicht so einfach ist, sich selbst zu verstehen. Gefühlschaos pur sage ich da immer. Vielleicht fühlt ihr euch nach dem Lesen dieses Beitrages etwas besser verstanden. Allen anderen, die so eine Erfahrung bisher noch nie gemacht haben, versuche ich hiermit diese Emotionen etwas näher zu bringen.

Ein langer Heimflug

Bevor es überhaupt einmal nach Hause ging, stand noch eine lange Heimreise an. Von Haus zu Haus war ich insgesamt über vierundzwanzig Stunden unterwegs.

Nachdem mich ein netter Chauffeur zum Flughafen in San José gebracht hat, ging es erstmal von Costa Rica nach Panama City. Gut zu wissen: Costa Rica und Panama liegen nicht in derselben Zeitzone. Im Halbschlaf hätte ich gedacht, dass wir eine Notlandung einlegen, als bereits nach einer Stunde Flugzeit die Räder über die Landebahn rollten. Mit Zeitverschiebung könnte man glauben, dass der Flug zwei Stunden dauert. Tut er nicht.

Bye bye Faultiere

Ohne Notlandung kam ich also gut in Panama City an. Dort hätte ich eigentlich eine Wartezeit von sechs Stunden überbrücken müssen. Dank Flugverspätung wurden es dann aber doch acht. Der lange Flug von Panama City nach Istanbul verlief aber ohne weitere Probleme. An Bord gab es gutes Essen, coole Filme, jederzeit Getränke, im Großen und Ganzen also ein super Service. Da ich mit Turkish Airlines geflogen bin, musste ich dann also in Istanbul zwischenlanden, bevor mich der letzte Flieger zurück in die Heimat transportierte.

Am Flughafen in Wien wurde ich gleichmal vom Wiener Dialekt überrumpelt. Eindeutig meine liebste Abwandlung der österreichischen Sprache 😉 Lustigerweise waren die ersten Leute, mit denen ich in Österreich eine Unterhaltung führte, jedoch Spanier. Denen habe ich wahrscheinlich gleich falsche Hoffnungen gemacht, dass alle Österreicher Spanisch sprechen würden.

Bei der Gepäcksausgabe kamen zu meinem Glück auch tatsächlich sowohl mein Koffer als auch mein Rucksack heil an. Und dann stand auch schon das erste große Wiedersehen bevor. In der Ankunftshalle erwarteten mich bereits sehnlichst meine Mama und mein Papa mit einem kleinen Willkommensplakat. Die erste Umarmung bekamen sie gleich einmal über die Absperrung hinweg. Da wurden auch schon die ersten Tränen verdrückt. Schließlich habe ich die beiden ja auch ein ganzes Jahr nicht mehr persönlich gesehen.

Das Wichtigste zuerst. Während der Autofahrt in die geliebte Heimat wurde ich natürlich gleich mal umfangreich upgedated. Der ist mit dem zusammen. Da hat sich wer getrennt. Die hat einen neuen Job. Der Klatsch und Tratsch des Kleinstadtlebens eben. Zuhause wurde ich noch reichlich beschenkt mit einer großen Welcome-Back-Torte, ein paar neuen Zimmerpflanzen und einem fetten Poster mit Bildern von meiner Reise. Dass ich es etwas komisch fand, eine so große Abbildung von mir selbst in meinem Zimmer hängen zu haben, habe ich erst später zugegeben.

Nichts geht über eine Torte von der Mama
Süße Geste, aber auch etwas eigenartig 🙂

An Schlaf war in den ersten zwei Nächten dann kaum zu denken. Langstreckenflüge in Richtung Osten sollen ja nicht unbedingt den Schlaf-Wach-Rhythmus fördern. Und so wurde auch ich vom Jetlag heimgesucht. Schlaflose Nächte und Mittagsmüdigkeit plagten mich.

Langersehnte Wiedersehen

Nach einer kurzen Nacht durfte ein reichhaltiges österreichisches Frühstück natürlich nicht fehlen. Statt dem typisch costa-ricanischen Reis mit Bohnen stand ein Kornweckerl und Brot mit Butter und selbstgemachter Marillenmarmelade am Menü. Käse durfte natürlich auch nicht fehlen. Nur die Avocado erinnerte an das Essen in Südamerika. Gestärkt konnte ich nun in den Tag starten. Da waren schließlich schon die nächsten Wiedersehen am Programm.

Start in den Tag mit einem leckeren österreichischen Frühstück (und Avocado)

Zuerst stattete ich meinen Großeltern und der Uroma mütterlicherseits einen Besuch ab. Während ich sonst häufig auf das klassische „Na daheim ist es aber schon noch immer am schönsten, oder nicht?“ gestoßen bin, hat mir mein Opa einen hundert Euro Schein in die Hand gedrückt, und gemeint „Für deine nächste Reise“. Das lobe ich mir. Anschließend wurde auch die Oma väterlicherseits noch besucht. Am Nachmittag ging ich dann noch zu meiner Schwester. Nachdem sie mich damals in Kolumbien besucht hat, haben wir uns ja nur ein halbes Jahr nicht gesehen. Die Zusammenkunft war also weit weniger emotional als erwartet. Aufregender war es da, ihr neues Haus endlich live zu sehen.

Am Abend entführten mich meine Eltern dann noch und ich wurde schließlich von meinen engsten Freunden überrascht. Ein richtig schönes Wiedersehen, aber auch hier wieder ganz ohne Tränen. Entweder habe ich es zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht so wirklich realisiert, dass ich nun wieder zuhause bin, ich war einfach mit der Situation überfordert oder es fühlte sich so schnell wieder alles „normal“ an.

Gefühlschaos pur

Genauso ging es mir nämlich die ersten Tage oder Wochen. Wenn jemand gefragt hat, ob ich schon ganz angekommen sei, fiel es mir schwer, die richtigen Worte zu finden.

Einerseits hat es sich fast unverzügliche wieder so angefühlt, als sei ich nie weggewesen. Schließlich bin ich an den Ort zurückkehrt, an dem ich so gut wie mein ganzes Leben verbracht hatte. Mein Bett hat sich so angefühlt wie früher, die Dusche hat sich so angefühlt wie früher, die Umarmungen haben sich so angefühlt wie zuvor. Nur das Wasser hat vielleicht nicht mehr ganz so gut geschmeckt. Das Leitungswasser in San José war tatsächlich nämlich ziemlich lecker. Sonst hat sich aber nicht wirklich viel verändert.

Als ich damals ins Ausland gegangen bin, war mir bewusst, dass danach so manche Dinge nicht mehr dieselben sein werden. Vorerst nahm ich natürlich an, dass ich selbst nicht mehr dieselbe Person sein würde. Schließlich macht man viele neue Erfahrungen, die einen prägen und so manche Ansichten neu formen. Irgendwann musste ich mir aber auch eingestehen, dass sich innerhalb von einem Jahr auch zuhause viel tun kann. Menschen befinden sich im ständigen Wandel. So auch meine Freunde, Verwandten und Bekannten. Dieser Gedanke hat mir etwas Angst bereitet.

Bei meiner Rückkehr wurde mir aber recht schnell vorgeführt, dass eigentlich fast alles beim Alten geblieben ist. Natürlich gab es kleine abgeänderte Details. Zum Beispiel, dass meine Schwester nun in ihrem eigenen Haus lebt und dass mein Papa plötzlich wieder raucht ☹ Der Fakt, dass sich so wenig verändert hat, hat mich im Endeffekt aber fast mehr umgehauen, als wenn alles anders gewesen wäre. Denke ich zumindest. Es war so, als würde man mich wieder in meine alten Schuhe stecken, die eigentlich gar nicht mehr passten.

Die ersten Tage habe ich aber tatsächlich noch gar nicht wirklich realisiert, dass ich nun wieder zuhause war und dass ich hier auch bleiben würde. Während meiner Reise war es schließlich normal alle paar Tage oder Wochen den Standort zu ändern. In meinem Kopf fühlte sich also auch das eher temporär an. So als würde ich in ein paar Tagen wieder den Koffer packen und weiterziehen. Meine ganzen Sachen in die alten Kästen zu packen, fühlte sich ganz falsch an.

Und bestimmt hat mich die ganze Situation auch einfach etwas überfordert. Anfangs habe ich allgemein versucht meinen Terminkalender so voll zu halten, dass ich gar nicht die Zeit gehabt hätte, überhaupt über irgendwas nachzugrübeln. Ich habe krampfhaft vermieden allein zu sein und mir Zeit für mich zu nehmen. Die ersten Tage hat das echt gut geklappt. Da war ich auch noch extrem euphorisch, weil ich mich natürlich extrem gefreut habe, alle wieder zu sehen. Nach ungefähr einer Woche holte mich dann aber eine Welle von negativen Gefühlen ein. Schweigsam saß ich mit meiner Mama am Esstisch, als sie mich gefragt hat, ob ich schon wieder wegwollen würde. Oh ja, und wie sehr ich das Reisen, die Ferne, die Sprache, einfach alles vermisste. Aber mein Terminkalender blieb voll.

Bei täglichen Treffen und Veranstaltungen
blieb nur wenig Zeit zum Nachdenken

Auch folgten dann die ersten großen Kulturschocks. Ich war mit meinem Cousin in einem Wiener Café, als ich merkte, warum die Österreicher oder allgemein Europäer im Gegensatz zu Latinos oft als kalt oder gar unfreundlich beschrieben werden. Gut, vielleicht hätte ich den Kellner nicht fragen sollen, welchen Kaffee sie anbieten. Aber es stand nun mal nicht in der Karte. Trotzdem hätte er nicht ganz so schroff antworten müssen, dass wir in einem Kaffeehaus sind, und dass es da natürlich alles gibt. Gemeinsam mit einer Freundin besuchte ich dann eine kleine Veranstaltung in meiner Ortschaft. Es war eigentlich sehr witzig. Was mich jedoch ziemlich schockiert hat, war der Alkoholkonsum in unserer Gesellschaft. Für jemanden, der beinahe ein halbes Jahr fast gar nichts getrunken hat, war es sehr ungewohnt zu sehen, dass man hier in Österreich wirklich zu jeder Gelegenheit eine Ausrede findet, um sich anstandslos zu besaufen. Von Jung bis Alt. Früher war das für mich normal und nicht selten war ich selbst Teil der Partie. Aber in diesem Moment hat mich das sehr erschrocken. Außerdem habe ich plötzlich die spanische Musik auf Partys und Veranstaltungen vermisst. Schon komisch. In Südamerika, wo außer Latinomusik keine anderen Songs im Club gespielt wurden, haben mir damals die englischen Lieder gefehlt. Man will wohl wirklich immer das, was man gerade nicht haben kann.

Zwischen Wohnungssuche, weiteren Treffen mit Freunden, einem Festival-Besuch und einem kurzen Familienurlaub fand ich dann auch langsam immer mehr Zeit, um überhaupt zu realisieren, was hier gerade passierte. Ich versuchte langsam einmal einzuordnen, was mir denn eigentlich so fehlte. Abgesehen von der Reggaeton-Musik vermisste ich nämlich auch die Anonymität. Vor allem in der Kleinstadt kennt nun einmal so ziemlich jeder jeden. Außerdem konnte ich nicht mehr jeden Tag neue Dinge entdecken, in einer Fremdsprache reden und laufend neue Leute mit ähnlichen Interessen wie den meinen kennenlernen.

Ein Festival-Besuch
Und Family-Urlaub in den Bergen

Aber zu meinem Glück blieb ich nicht lange alleine mit meinen Gefühlen und Gedanken. Ende August kehrte eine meiner besten Freundinnen selbst von ihrem Auslandssemester zurück. Somit hatte ich also schonmal eine Verbündete, die mich vielleicht etwas besser verstand als jemand, der so etwas noch nie erlebt hat. Außerdem habe ich begonnen wieder vermehrt Kontakt zu Leuten zu suchen, die ich während meinem Jahr im Ausland kennengelernt habe. Beispielsweise schreibe ich viel mit einem Freund aus Mexiko, den ich während meines Semesters in Chile getroffen habe. Auch die Verabredungen mit meinem Cousin waren sehr hilfreich, da er ähnlich wie ich ein kleiner Weltenbummler ist.

Ich habe dann auch langsam verstanden, dass es nicht notwendig ist, sich zu verbiegen, um wieder dazu zu passen, um wieder „die Alte“ zu sein. Dabei hat mir auch mein Umzug geholfen. Anfang September bin ich nämlich in meine erste eigene Wohnung in Wien gezogen. Hier gibt es natürlich gleich wieder viel mehr Möglichkeiten, um neue Leute kennenzulernen, unterschiedliche Orte zu entdecken und mit verschiedenen Kulturen in Kontakt zu treten. Außerdem konnte ich mir endlich bewusst etwas mehr Zeit für mich nehmen und mal überlegen, welche neu gewonnen Eigenschaften ich beibehalten, aber auch welche alten Gewohnheiten ich vielleicht wieder mit in meinen Alltag aufnehmen möchte.

Der Umzug nach Wien
hat Abhilfe verschaffen

Und damit kehrte dann auch langsam meine positive Lebenseinstellung, die ich während meinem Jahr im Ausland hinzugewonnen hatte, zurück. Ich pflegte den Gedanken, dass das Leben uns nur mit Herausforderungen konfrontiert, die wir auch bereit sind zu meistern. So wie das Jahr im Ausland hat auch die Heimkehr einige Challenges mit sich gebracht, denen ich mich nun stellen konnte. Und so fiel es mir auch wieder leichter, die kleinen Dinge im Alltag mehr zu schätzen. Beispielsweise ein gutes Essen, ein klarer Sternenhimmel, ein Treffen mit einem Freund oder ein bezaubernder Sonnenuntergang (von denen es auch in Österreich einige gibt).

Zum Glück gibt es auch daheim atemberaubende Sonnenuntergänge

Wie geht es weiter?

Bin ich schon zuhause angekommen? So ziemlich. Wie fühlt es sich an, nach so langer Zeit wieder zuhause zu sein? Schön, eigenartig, traurig, großartig, alles zugleich. Wie ist es mit dem Fernweh? Es kommt und geht. An manchen Tagen bin ich überglücklich da zu sein, wo ich gerade bin. Schließlich sind hier alle meine Freunde, meine Familie. Das, was mir im Leben am wichtigsten ist. An anderen Tagen schau ich mir aber Fotos oder Videos von meiner Auslandserfahrung an und kann die Tränen nicht zurückhalten. Dann packt mich das Fernweh ganz ohne Vorwarnung.

Auf die Frage, wie es nun weitergeht, kann ich euch jedoch keine genaue Antwort liefern. Mein Fünf-Jahres-Plan wurde auf einen knackigen Ein-Jahres-Plan reduziert. Jetzt muss ich erstmal mein Studium in Österreich abschließen. Bis mindestens Ende Juni kann ich also sowieso mal nicht in die weite Welt flüchten.

Manchmal spiele ich mit dem Gedanken, dass mein Jahr in Südamerika eine einzige „once-in-a-lifetime-experience“ war. Also etwas, was man nicht zweimal im Leben erlebt. Das macht mich dann etwas traurig und so ganz anfreunden kann ich mich mit der Vorstellung auch nicht.

Aber man weiß ja nie, was das Leben so bringt. Vielleicht finde ich nach dem Studium eine super Stelle im Ausland oder aber meinen Traumjob in Österreich. Möglicherweise starte ich einen Master in Wien oder in einem anderen Land. Eventuell laufe ich der Liebe meines Lebens über den Weg oder aber ich werde eiskalt abserviert und flüchte dann ans andere Ende der Welt.

Wenn ich eines in Südamerika gelernt habe, dann, dass man wahrscheinlich nichts Besseres tun kann als einfach in den Tag hineinzuleben. Jeden Moment zu genießen, anstatt eine Zukunft zu planen, die so vielleicht nie stattfinden wird. Fakt ist nämlich, dass nur ein kleiner Anteil all dessen, was uns tagtäglich widerfährt, von uns steuerbar ist. Deshalb genieße ich nun einfach diesen Lebensabschnitt, in dem ich mich momentan befinde. Und was danach kommt, das wird sich noch herausstellen.

Mit neu gewonnener Lebensfreude und offen für alles was kommen mag 🙂

Mein derzeitiger Plan wäre es jedenfalls diese Reiseberichterstattung zu Ende zu führen und euch weiterhin mit lustigen Begebenheiten von meiner Zeit im Ausland zu unterhalten. Bis dahin,

Bussi Baba



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