Falls ihr gedacht hättet, dass Buenos Aires das einzige Reiseziel in Südamerika ist, dass einen schlagartig nach Europa katapultiert, dann habt ihr euch getäuscht. Auch nach dieser zwölfstündigen Busfahrt von Viña nach Puerto Montt habe ich mich gefragt, ob ich immer noch in Chile war oder doch in den Alpen gelandet bin. Eine Landschaft geprägt von hohen Gebirgszügen, weitläufigen Seen und saftig grünen Wäldern und Wiesen.
Aber das ist noch nicht alles. Denn hier leben tatsächlich um die zweihunderttausend Chilenen mit deutscher Abstammung. Um dem auf den Grund zu gehen, müssen wir auch heute wieder eine kleine Geschichtsstunde einlegen. Aber fangen wir mal bei der Anreise an.
Die Anreise
Von Zentralchile aus gibt es zwei Möglichkeiten um nach Puerto Montt zu gelangen. Luft oder Land. Fliegen wäre natürlich komfortabler und schneller. Aber die Fahrt mit dem Bus ist dafür um einiges günstiger. Als Low-Budget-Reisende wurde es bei mir also Option zwei. Allerdings muss ich erneut ein Lob an die Busse in Chile aussprechen. Im unten gelegenen Schlafabteil mit Einzelplätzen, Vorhängen, verstellbaren Sitzen und Fernseher kann man nämlich auch mal gut die Nacht verbringen. Geschlafen habe ich leider trotzdem nicht viel. ETM ist die Buslinie, die Direktverbindungen von Viña del Mar nach Puerto Montt anbietet.

Die Unterkunft
Untergekommen bin ich dieses Mal wieder klassisch in einem Hostel. Das Islanet Hostel & Bar wirkt von außen etwas heruntergekommen und nicht besonders einladend. Innen ist es jedoch schön ausgestattet und das nette Personal lässt einen sofort wie Zuhause fühlen. Das Hostel wird von einer Familie geführt, einer Mutter, die mit ihren zwei Kindern dort wohnt und Schlafplätze anbietet. Inkludiert im Preis ist ein ausgiebiges Frühstück, dem es an nichts fehlt. Die Besitzerin hat sogar extra veganes Joghurt für mich gekauft. Einziges Manko: Abends wird es extrem kalt, sodass ich in der zweiten Nacht trotz mehrerer Decken mit Haube und Schal ins Bett gehen musste.

Tag 1:
Nach meiner Ankunft bin ich also direkt zum Hostel maschiert, um mein Gepäck abzuladen. Da viel mir auch gleich auf, dass es hier im Süden doch um einiges kälter war als im immer noch frischen Viña. Haube und Schal sollten deshalb unbedingt Platz im Koffer oder Rucksack finden.

Nach dem Check-in bin ich auch wieder zurück zum Busterminal. Puerto Montt ist ein süßes Hafenstädtchen, hat aber selbst nicht besonders viel zu bieten. Es dient eher als guter Ausgangspunkt für Trips in die Umgebung. Deshalb habe ich gleich den nächsten Bus nach Puerto Varas genommen.

Zuvor musste aber noch etwas in meinen Magen. Am Terminal gibt es zum Glück zahlreiche Essensmöglichkeiten. Von einer Empanaderia im Erdgeschoss, die mittig in der Halle gelegen ist, habe ich mir eine vegetarische Teigtasche geholt. Den Standort schildere ich so genau, dass falls ihr irgendwann einmal selbst dort sein solltet, ihr diesen Stand findet und selbst eine probiert. Das würde nämlich meine zweit beste Empanada in Südamerika bleiben.
Anschließend bin ich also mit dem Bus nach Puerto Varas gefahren. Bevor ich euch von der Stadt erzähle, sollten wir nun aber ein bisschen in der Zeit zurückgehen.
Deutsche Einwanderer in Chile
Ähnlich wie in Argentinien sind auch in Chile die ersten Einwanderer auf die Zeit nach der Unabhängigkeitserklärung von Spanien zurückzuführen. Jedoch nicht, weil der Süden so wie Buenos Aires ein besonders attraktives Wirtschafts- und Handelszentrum darstellte. Dazumal war die Gegend eher komplett bewaldet und zugewachsen und wurde vor allem von den Ureinwohnern, den Mapuche, bewohnt.
Genau aus diesem Grund suchte die chilenische Regierung nach Siedlern, um den Mapuche das Land nicht allein zu überlassen. Die militärische Expertise in Deutschland hat die Chilenen schließlich überzeugt und so begannen sie gezielt Deutsche Staatsbürger anzuwerben, die in ihr Land kommen sollten. Und tatsächlich haben sich innerhalb von zwanzig Jahren ungefähr sechstausend Deutsche vor allem im Süden von Chile niedergelassen. Während dem zweiten Weltkrieg flohen weitere in das weit entfernte Land. Aber auch Schweizer und Österreicher sind dem Trend gefolgt.
Obwohl Chile am anderen Ende der Welt liegt, haben sich die neuen Bewohner bei dieser starken Ähnlichkeit in Landschaft und Klima bestimmt auch auf Anhieb wohl gefühlt. Die Infrastruktur mussten sie hingegen quasi komplett neu aufbauen.
Deshalb findet man heute in der Gegend um Puerto Montt auch zahlreiche Bauten im deutschen Stil, deutsche Schulen und deutsches Essen. Zudem befindet sich etwas westlich von Puerto Varas ein Dorf namens „Nueva Braunau“, was so viel heißt wie neues Braunau. Gegründet wurde es von österreichischen Siedlern, allerdings schon vor der Geburt von Hitler.
Nun haben wir also wieder etwas dazugelernt und können etwas besser verstehen, warum ich in Puerto Varas das Gefühl hatte, durch ein österreichisches Bergdorf zu spazieren. Das hat mich wirklich umgehauen. Zahlreiche Holzbauten, kleine Shops, die Wanderausrüstung verkaufen und süße Cafés und Restaurants. Diese haben übrigens teilweise auch deutsche Namen, wie zum Beispiel das Café Haussmann, und bieten deutsche Speisen und Getränke an.


Im Cassis Café steht beispielsweise Apfelstrudel, Streuselkuchen und Capuccino Viena auf der Speisekarte. Außerdem habt ihr von der Dachterasse einen tollen Blick auf den Llanquihue See.

Um den zweit größten See von Chile findet ihr mehrere dieser kleinen süßen Dörfer. Das bekannteste ist Puerto Varas, aber auch Frutillar soll sehr sehenswert sein.
Abgesehen von meinem kleinen Stadtspaziergang bin ich noch zum Mirador Licarayen gewandert, ein kleiner Hügel, von dem aus man ebenfalls einen schönen Ausblick auf den See genießen kann.

Sehenswert sind auch die Kirche, sowie einige Villen im deutschen Baustil, die besonders gut erhalten geblieben sind.


Wenn ihr am Seeufer entlanggeht, werdet ihr außerdem das Museo Pablo Fierro passieren. Pablo Fierro ist ein bekannter Künstler der Gegend, der dort ein sehr interessantes Museum erbaut hat, dass bereits von Außen ein einziges Kunstwerk ist.

Am späten Nachmittag fuhr ich mit dem Bus wieder zurück nach Puerto Montt, wo ich mir im Einkaufszentrum gleich in der Nähe vom Hostel noch eine Wanderhose zulegte. Am nächsten Tag würde ich mich nämlich warm anziehen müssen.
Tag 2:
Nach einem reichhaltigen Frühstück in der Unterkunft ging ich erneut in Richtung Terminal. Dieses Mal aber nicht, um einen Bus zu nehmen, sondern weil dort der Treffpunkt für meinen heutigen Tagestrip war. Vor dem Ibis Hotel, das gleich neben dem Busbahnhof liegt, wartete schon ein kleiner Reisebus. Anschließend holten wir noch weitere Leute von ihren Unterkünften in Puerto Montt und Puerto Varas ab, bevor die Tour richtig losgehen konnte.
Das war eigentlich mein erstes Mal, dass ich mich alleine einer Tour angeschlossen habe. Das Konzept war mir ja bereits aus der Atacama-Wüste bekannt, nur war ich damals mit einer Freundin unterwegs. Der Rest der Gruppe waren tatsächlich alles Pärchen aus verschiedenen Südamerikanischen Ländern. Ganz genau kann ich mich auch nicht mehr erinnern. (Ich bin schon überrascht, dass ich überhaupt noch so viel weiß!) Allerdings waren alle super nett und offen, so auch unser Fahrer/Guide.
Erster Stopp auf unserer Tour war die Laguna La Poza. Dort wurden wir erstmal mit Schwimmwesten ausgestattet und im kleinen Motorboot sind wir dann über einen Fluss zur Lagune gefahren. Dort haben wir eine Runde gedreht, bevor es wieder zurückging.

Den nächsten Halt legten wir bei der Laguna Verde ein. Genauergesagt war dort ein kleiner Nationalpark mit kurzen Wanderwegen, die zu der Lagune und einer Plattform am See führten. Nicht nur die Natur ist hier wunderschön, sondern es gibt auch süße Tiere. Gleich beim Eingang konnten wir zum Beispiel einen Fuchs beobachten.


Anschließend stand auch schon das erste Highlight des Trips an. Mit dem Kleinbus ging es die Serpentinen hinauf, bis wir das Skigebiet erreichten, zu dem wir wollten. Der Vulkan Osorno ist nämlich nicht nur schön anzusehen, sondern eignet sich auch ganzjährig zum Skifahren. Wir waren dort natürlich nicht zum Sport machen. Wäre mir auch viel zu teuer gewesen. Trotzdem durften wir mit dem Sessellift bis zur ersten Bergstation hochfahren. Zum zweiten Mal gab es also Schneespaß in Chile. Von oben hatte man außerdem einen tollen Ausblick auf die umliegende Gegend.



Kleine Bemerkung am Rande: Straßenhunde gibt es auch in Chile viele. Normalerweise sind diese friedlich. In Viña wurde ich sogar mal von einem bis zur Wohnungstür begleitet, als ich spät abends alleine nach Hause ging (nicht, dass das oft vorgekommen wäre). Trotzdem ist natürlich immer Vorsicht geboten.
All zu lange blieben wir aber auch nicht, schließlich war es ja eisig kalt da oben und mit vier Kleidungsschichten war ich eindeutig nicht warm genug angezogen.
Im Anschluss fuhren wir die Bergstraße wieder hinab und weiter in Richtung unseres zweiten Tages-Highlights. Die Saltos de Petrohué muss man besuchen, wenn man eine Reise nach Puerto Montt plant. Die Wasserfälle sind bekannt für ihre intensiv blaue Farbe. Das Wasser stammt vor allem aus den Gletschern der Anden. Das darin enthaltene Gletschermehl sorgt dafür, dass der Fluss bei Lichteinstrahlung blau leuchtet. An sonnigen Tagen sind die Bedingungen also perfekt um die Wasserfälle in all ihrer Schönheit zu bewundern.



Der Fluss entspringt im Lago Todos los Santos, wo es für uns anschließend auch hinging. Erneut wurden wir mit Schwimmwesten ausgestattet. Dieses Mal fuhren wir aber mit einem etwas größeren Boot beziehungsweise Schiff auf den See hinaus und machten dort eine kleine Rundfahrt entlang des Ufers.

Beim letzten Stopp gab es endlich ein wohl verdientes Mittagessen. In einem Restaurant am Wegrand machten wir Halt und bestellten dort auf Empfehlung unseres Guides ein Mittagsmenü, das aus kalter Vorspeise, Suppe und Hauptspeise bestand. Für mich gab es frischen Fisch aus der Gegend. Die Kellnerin, die gleich ganz interessiert nach meiner Herkunft gefragt hat, hat dann sogar ein paar deutsche Begriffe ausgepackt und mir das Menü auf deutsch erklärt (so gut es halt ging).
Anschließend ging es auch schon wieder zurück nach Puerto Montt für eine weitere Nacht im Islanet Hostel.
Mein Fazit
Die Tour hatte also einige beeindruckende Höhepunkte zu bieten. Mit unseren Trip durch die Atacama-Wüste konnte die natürlich nicht mithalten. Allerdings ist es auch schwierig zwei komplett unterschiedliche Erlebnisse zu vergleichen.
Obwohl ich eigentlich kein großer Kälte-Fan bin, Sommer-Mensch durch und durch, war es trotzdem mal wieder schön etwas anderes zu sehen als Meer, Küste oder Wüste. Schließlich braucht man ja immer ein bisschen Abwechslung. Und der Süden von Chile machte mich dann tatsächlich etwas nostalgisch.
Da ich es während meinen vier Monaten in Chile nicht mehr weiter hinunter in den Süden schaffen würde, war ich froh, zumindest das gesehen zu haben. Es ist schon extrem interessant auch hier die starken europäischen Einflüsse zu beobachten.
Meine Reise durch den Süden von Chile war hiermit aber noch nicht ganz zu Ende. Für mich ging es noch etwas weiter. Mehr Regen, mehr Kühe und mehr Kirchen. Dazu aber mehr in meinem nächsten Beitrag. Bis dahin,
Bussi Baba!


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