Bevor ich meine Reihe an Reiseberichten fortsetze, sollte ich vielleicht einmal erzählen, wie so mein Uni-Alltag in Chile aussah. Schließlich war ich in Chile vorrangig weder zum Reisen noch zum Urlaub machen. Ich habe mich dazu entschieden freiwillig mein drittes Semester ins Ausland zu verlegen, was bei einem Tourismus Studium wohl Sinn macht. Aber für alle ist ein Austauschsemester eine super Chance, um Erfahrungen zu sammeln, unabhängiger zu werden und im Endeffekt über sich selbst hinauszuwachsen. Schließlich soll es im Studium ja nicht immer nur um das strikte Erlernen des Lehrstoffes gehen oder?
Warum ein Semester in Chile?
In meinem ersten Beitrag Servus Welt! habe ich bereits erwähnt, dass meine Wahl auf Südamerika fiel, weil ich mein Spanisch aufbessern wollte und mir Spanien etwas zu nahe oder vielleicht naheliegend war. In Lateinamerika hat meine österreichische Fachhochschule drei Partner-Unis, und zwar in Mexiko City, Lima in Peru und Viña in Chile. Meine Entscheidung fiel im Endeffekt auf Chile, da es das am weitesten entwickelte (und das am weitesten entfernte 😉 ) Land in Südamerika ist und die politische Situation in Peru dazumal nicht sehr stabil war. Obwohl ich kaum etwas von dem Land wusste. Eigentlich nur, dass es sehr lang und schmal ist.
Von einem Auslandssemester in Südamerika würde ich euch vielleicht nur abraten, wenn ihr gar kein Wort Spanisch sprecht. An meiner Universität gab es einen Business-Studiengang auf Englisch. Sonst war alles auf Spanisch. Außerdem waren auch die meisten anderen Austauschstudenten aus spanischsprachigen Ländern. Und so wie in Europa ist es hier leider nicht, dass jeder zumindest in gebrochenem Englisch kommunizieren kann (wobei man das von ganz Österreich eigentlich auch nicht behaupten kann).
Jedenfalls ist Chile als Land für ein Studiensemester oder Auslandspraktikum nur die richtige Wahl, wenn ihr sprachliche Herausforderungen mögt. Auch mit meinem Vorwissen aus sieben Jahren Schul-Spanisch war die Verständigung nicht immer einfach. Wenn ihr mit Leuten aus anderen Ländern redet, werdet ihr nicht selten hören „los Chilenos no hablan Español“, also die Chilenen sprechen kein Spanisch. Man kann es wahrscheinlich mit einer Person aus Nord-Deutschland vergleichen, die einen Vorarlberger reden hört und vielleicht die Hälfte versteht. Die Chilenen verwenden nicht nur einen eigenen Dialekt und Wortschatz, sondern reden zudem auch noch superschnell. Wenn sie merken, dass Spanisch nicht deine Muttersprache ist, bemühen sie sich normalerweise aber zumindest halbwegs langsam zu sprechen. Und mit der Zeit gewöhnt man sich auch an die Aussprache und den Dialekt, und nimmt vielleicht sogar selbst das ein oder andere Wort in seinen Wortschatz mit auf.
Ein paar Beispiele: Avocado wäre auf Spanisch „aguacate“, in Chile aber „palta“. Die feste Freundin wäre „novia“, auf Chilenisch „polola“. Mais ist nicht „maiz“, sondern „choclo“. Außerdem wird an Wörter häufig die Endung -po gehängt. Also „nopo“ statt „no“ für nein oder „sipo“ statt „sí“ für ja oder ja klar.
Leben in einer Gastfamilie
Auch mit meinen Gasteltern war die Kommunikation deshalb nicht immer ganz einfach. In meinen letzten Beiträgen habe ich bereits erwähnt, dass ich während meinem Auslandssemester bei einer Gastfamilie gehaust habe. Das Angebot kam von der Universität in Viña. Zwar würde man in Viña sicher auch günstigere Bleiben finden, allerdings ist da auch noch kein Essen, Wäsche und natürlich das Erlebnis in sich inkludiert.
Vor allem zu Beginn hatte ich oft noch Schwierigkeiten in der Kommunikation und oft kann man sich einfach nicht so ausdrücken, wie man gerne wollen würde. Außerdem muss man sich auch erst in die Kultur einleben, neue Traditionen und Umgangsweisen verstehen lernen.
Leider machen nicht alle gute Erfahrungen mit Gastfamilien. Ich und auch die meisten meiner Studienkollegen, die selbst bei Familien unterkamen, hatten jedoch Glück. Ich würde sogar behaupten großes Glück gehabt zu haben. Meine Gasteltern waren schon etwas älter, hatten bereits erwachsene Kinder, die selbst schon Kinder hatten. Außerdem gab es vor mir schon ungefähr 40 andere Gastkinder (ich weiß, verrückt). Deshalb fühlte ich mich umso geehrter, die erste Österreicherin zu sein.
Ich wohnte bei ihnen in einer mittelgroßen Wohnung, wo ich mein eigenes Schlaf- und Badezimmer hatte. Die rosa gestrichenen Wände in meinem Zimmer und die fünf Decken zum Zudecken waren anfangs noch etwas gewöhnungsbedürftig, sonst fühlte ich mich aber gleich wohl.

Frühstück und Abendessen machte ich mir meistens selbst, die Lebensmittel wurden aber immer von ihnen eingekauft, und zum Mittagessen gab es immer frisch gekochte Gerichte. Für mich ausschließlich vegetarisch. Allgemein achtete meine Gastmama aber immer auf eine sehr ausgewogene, gesunde Ernährung.

Das Abendessen in Chile ist übrigens ähnlich wie bei uns normalerweise kalt, beispielsweise mit Brot, Käse, Butter und einer Tasse Tee und findet auch nicht zu spät statt.
Diese vier Monate haben mir erlaubt komplett in die chilenische Kultur einzutauchen. Ich habe gesehen, wie der normale Tagesablauf in einer chilenischen Familie aussieht und welche wichtigen Werte vertreten werden. In allen Ländern Südamerikas ist das Familienleben und die gegenseitige Unterstützung sehr wichtig, das habe ich auch bei meiner Gastfamilie sehr stark gemerkt. Deshalb wurde auch ich als Teil der Familie aufgenommen und durfte zum Beispiel an Festen und Feiern teilnehmen, habe auch Geschwister, Onkel und Tanten kennengelernt. Ab und zu gab es auch gemeinsame Ausflüge, zu meinem Geburtstag bekam ich eine Torte und zu den Fiestas Patrias haben wir gemeinsam Empanadas gebacken.


Aber in einer Gastfamilie steht natürlich immer der gegenseitige Kulturaustausch im Vordergrund. Und somit habe auch ich versucht, ihnen meine Heimat näher zu bringen. Während meiner letzten Woche in Chile habe ich deshalb auch ein Österreichisches Menü für die ganze Familie gekocht und alle waren natürlich begeistert. Danach war uns aber auch a bisserl schlecht.





Vor allem mit meiner Gastmama habe ich eine sehr tiefe Beziehung aufgebaut und bin auch heute noch mit ihr in Kontakt und wir senden uns regelmäßig Sprachnachrichten. Es war manchmal etwas gruselig, aber sie wusste immer genau, wenn es mir nicht gut ging. Und dann bekam ich gute Ratschläge oder eine Tasse Tee. Wenn man das erste Mal so weit von zuhause weg ist, ist es natürlich schön jemanden von Anfang an, an seiner Seite zu wissen. Manchmal ging sie mir genauso auf den Nerv, wie eine echte Mama, aber das gehört natürlich auch dazu 😉.
Mein Gastpapa hingegen hat mich immer mit den besten Geschichten versorgt. Als großer Historiker und selbst Reiseenthusiast wurden keine Details ausgelassen, wenn er mir von der Geschichte Chiles und den unterschiedlichen Orten erzählt hat. Manchmal verstand ich leider nur die Hälfte, aber ich habe immer genickt, und zumindest so getan als wüsste ich genau, wovon er redet. Schwierig wurde es nur, wenn sie mich dann gefragt haben, etwas von der österreichischen Geschichte zu erzählen. Naja, da fehlte mir dann doch noch etwas der Wortschatz.
Mein Studium
Manchmal muss ich mich selbst daran erinnern, dass ich ja eigentlich zum Studieren in Chile war. Nein Spaß, auch im Ausland war ich eine motivierte Studentin. Vor allem wenn man bedenkt, dass ich drei meiner vier Fächer auf Spanisch belegt habe.
Nach der Einführungswoche, die ebenfalls komplett auf Spanisch stattfand, war ich schon etwas pessimistisch und habe ein bisschen bereut, mich nicht für das englische Programm entschieden zu haben. In den ersten Wochen bin ich wirklich jeden Abend todmüde ins Bett gefallen, weil es sehr anstrengend sein kann, den ganzen Tag einer Fremdsprache ausgesetzt zu sein. Spanischunterricht an der Uni in Österreich und auf Spanisch studieren ist halt doch ein feiner Unterschied. Und anfangs hatte ich echt mit großen Selbstzweifeln zu kämpfen. Unter anderem auch, weil ich erfahren habe, dass in jedem Fach vier Prüfungen beziehungsweise Präsentationen oder Ausarbeitungen während dem Semester abgelegt werden mussten und zum Schluss noch ein großer Endexamen. Etwas mehr als die klassische Prüfung zu Semesterschluss an österreichischen Unis und FHs.
Aber nach der ersten normalen Uni-Woche war ich schon etwas zuversichtlicher, dass auch ich das hinbekommen sollte. Die Kurse und Professoren waren nämlich total entspannt. Die Bildungsstandards in Chile beziehungsweise wahrscheinlich allgemein in Südamerika sind natürlich nicht mit Europäischen zu vergleichen.
Erst einmal waren in den Kursen höchstens acht Leute. Dadurch wird natürlich mehr Mitarbeit gefordert, aber so kann man bereits Punkte (und Sympathiepunkte) für seine Endnote sammeln. Nach langer Zeit wurde ich also mal wieder zur Tafel gerufen. Und da wir nur so wenige waren und viele meiner Kollegen ihr Studium nicht ganz so ernst nahmen oder nebenbei noch arbeiten gingen, kam es auch schonmal vor, dass man nur zu zweit im Unterricht saß. Tatsächlich hatte ich einmal sogar Privatunterricht mit meinem Marketing-Professor. Auch eine einmalige Erfahrung.
Die Prüfungen waren alle open-book, wir durften also unsere Unterlagen und meistens sogar das Internet verwenden. Somit konnte ich auch easy den Übersetzer als Hilfsmittel einsetzen. Eine komplette Prüfung auf Spanisch zu schreiben, ist nämlich auch nochmal eine andere Sache. Manchmal hieß es sogar: „Hier habt ihr den Test, geht nach Hause und gebt ihn bis spätestens heute Abend ab.“ Den großen Endexamen musste man dann nur machen, wenn man die anderen Tests verpatzt oder verpasst hatte. Das habe ich mir erspart und bin lieber mal nach Peru verreist.
Cool war auch, dass wir zu Beginn des Semesters ganze drei Wochen Zeit hatten, um uns in Kurse zu setzen und im Endeffekt zu entscheiden, ob man diesen belegen möchte oder nicht. So war ich anfangs beispielsweise noch motiviert Makroökonomie auf Spanisch zu machen. Nach der ersten Einheit hat mich der Professor nie wieder gesehen.
Wie ihr also schon sehen könnt, war mein Studium, trotz der Herausforderung, dass fast alles auf Spanisch war, eher locker. Austauschstudenten werden normalerweise allgemein nicht allzu hart herangenommen. Wer selbst schon einmal im Ausland studiert hat, kann mir das wahrscheinlich bestätigen. Schließlich weiß ja jeder, dass man nicht vorrangig zum Studieren ins Ausland geht. Dass wir jeden Freitag frei hatten, war da natürlich auch vom Vorteil. So konnte man zumindest immer das verlängerte Wochenende gut nutzen.
Social Life
An dieser Stelle muss ich ein großes Lob an die Universidad Viña del Mar aussprechen. Ich bin mir nämlich ziemlich sicher, dass nicht jede Universität so viel Zeit und Organisation darin investiert, dass jeder Austauschstudent im Endeffekt eine gute Erfahrung macht.
Mit einer gut organisierten Einführungswoche starteten wir ins Semester, bei der wir die Möglichkeit hatten andere Austauschstudenten und auch ein paar Chilenen kennenzulernen. Es wurden kleine Ausflüge geplant und an der Uni erhielten wir alle wichtigen Informationen zum Leben und Studium in Chile, wie man sich im Falle eines Erdbebens verhält und das wir auf den Konsum von Drogen verzichten sollen.
Aber auch nach dieser Woche wurden wir nicht im Stich gelassen. Für einen kleinen Kostenbeitrag (5 Euro oder so) konnte man dem „Club Internacional“ beitreten. Jeden Mittwoch gab es dann ein Treffen an der Uni, mit allen Exchange Studenten und ein paar Locals, die manchmal durch Ausflüge ersetzt wurden. Ab September musste oder durfte dann jede Woche ein anderes Land einen Abend planen. Da standen dann eine Präsentation, ländertypische Spiele, Musik, Tanz und natürlich traditionelle Speisen auf dem Plan.

Österreich war zuletzt an der Reihe, gemeinsam mit Deutschland und der Slowakei, und hat alle mit leckerem Kaiserschmarrn, Apfelstrudel und natürlich dem Wiener Walzer überzeugt.



Im Endeffekt war es aber vor allem eine gute Möglichkeit, um die anderen Studenten zu treffen, mit denen man keine gemeinsamen Kurse belegt hat, neue Freundschaften zu schließen und zu pflegen.
Bei solchen Treffen passieren natürlich auch immer witzige Dinge. Zum Beispiel als am Día de Mexico, also dem Tag von Mexiko, die Gruppe Mexikaner einen kleinen Altar als Demonstration für den Día de los Muertos aufgebaut und fast abgefackelt hätte. Oder als wir an unserem Tag unsere Kollegen jodeln ließen.
Zum Ende des Semesters wurde dann noch ein International Dinner, eine Art Abschlussessen, geplant. Auch hier nahm jeder Teilnehmer etwas zum Essen mit, sodass ein riesiges Buffet entstand. An diesem Abend wurde nicht nur gelacht, sondern auch ein paar Tränen verdrückt. Am Programm standen eine Talentshow und verschiedenste Prämierungen.


Auch im Club war es vor allem anfangs nicht ganz leicht für mich, weil der Großteil der Austauschstudenten tatsächlich aus Südamerika oder Spanien kam (ungefähr die Hälfte aus Mexiko) und somit natürlich einen klaren Vorteil in der Kommunikation untereinander hatten. Ich hatte einen mexikanischen Kollegen, bei dem es mir tatsächlich bis zum Schluss schwer viel, ihn zu verstehen, weil er so extrem schnell redete. Als ich nach meinen zwei Reisemonaten nach Chile zurückgekehrt bin, habe ich ihn wieder getroffen und er hat gemeint: „Dein Spanisch hat sich extrem verbessert. Du verstehst mich jetzt nämlich.“
Jedenfalls, und so habe ich es auch bei meiner kleinen Abschlussrede formuliert, ist es mir glaube ich zuvor noch nirgends so leicht gefallen Freundschaften zu schließen. Obwohl ich manchmal, vor allem anfangs, etwas verschlossen wirken kann, habe ich mich nie alleine gefühlt. Es waren wirklich alle extrem nett und aufgeschlossen. Zum Beispiel hatte ich in meiner zweiten Woche an der Universität Geburtstag. Nachdem ich in unsere Gruppe geschrieben habe, dass ich essen gehen möchte und jeder kommen darf, ist wirklich fast der ganze Club (um die 30 Leute) im Restaurant erschienen.


Umso schwerer fiel am Schluss natürlich der Abschied. Ich habe die Leute alle in mein Herz geschlossen und werde die Zeit nicht so schnell vergessen. Da kommen mir beim Schreiben fast schon wieder die Tränen.


Mein Fazit
Ich könnte wahrscheinlich wirklich ein ganzes Buch über meine Studienerfahrung im Ausland schreiben. Es passiert einfach so viel, man lernt so viele neue Leute kennen und gleichzeitig ist es eine ständige Achterbahnfahrt der Gefühle. Alle meine Erfahrungen und Erlebnisse könnte ich nie in einen kurzen Bericht packen.
Und deshalb, solltet ihr überlegen für ein Semester auf Austausch zu gehen, kann ich es euch nur ans Herz legen. Vielleicht habe ich während diesem Semester nicht besonders viel für mein Studium gelernt, aber dafür umso mehr fürs Leben. Ihr lernt eine neue Kultur, eine andere Sprache und euch selbst von einer ganz neuen Seite kennen. Und all diese Erfahrung macht euch gescheiter, offener, flexibler und selbstbewusster. Und das Gute ist, das auch wenn ihr schlechte Erlebnisse machen solltet, sind es trotzdem Erfahrungen, die euch im späteren Leben vielleicht einmal weiterhelfen.
Okay, aber jetzt Schluss mit dem philosophischen Geschwafel. Es war jedenfalls ein richtig geiles halbes Jahr und ich könnte es nie bereuen, diese Wahl getroffen zu haben. Vor allem aber bin ich auch froh beide Erfahrungen, Studium und Arbeiten im Ausland, gemacht zu haben. Obwohl beides einen längeren Aufenthalt in einem anderen Land umfasst, kann man es nicht wirklich miteinander vergleichen. Deshalb wollte ich auch diese Reihe starten, in der ich damit begonnen habe euch von meinem Studium in Chile zu erzählen und in weiterer Folge von meinem Praktikum in Costa Rica und auch vom Reisen durch Südamerika berichten werde.
Wenn ihr jetzt vielleicht auch auf den Geschmack gekommen seid und euch denkt, „Ich will auch unbedingt im Ausland studieren“ (alle Eltern werden mich jetzt hassen), dann steh ich für weitere Fragen oder bei Unsicherheiten jederzeit zur Verfügung. Schreibt mir einfach eine Nachricht auf Instagram oder verfasst einen Kommentar. Und auch in meinen nächsten Beiträgen werdet ihr natürlich wieder sehen, was ein Semester beziehungsweise Jahr im Ausland so alles mit sich bringen kann. Bis dahin,
Bussi Baba!
Verfolgt auch mein Videotagebuch auf Instagram für regelmäßige Updates und Eindrücke von meinen Erlebnissen:


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